Sachsenburg Gedenkstätte Museum Konzentrationslager

Luftperspektive aus Richtung Appelplatz // Abend

Der Ort und seine historische Bedeutung

Die Villa im Stil des Historismus wurde 1920 von Paul Richter als Wohnhaus für den Spinnereibesitzer Reichelt errichtet. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Gebäude 1933 zunächst von der SA, später von der SS als Wohnsitz der Lagerleitung genutzt. Damit steht die Villa exemplarisch für die unmittelbare räumliche Nähe von zivilem Alltag und systematischem Terror – ein Spannungsfeld, das den Ort Sachsenburg bis heute prägt.

Die bauliche Substanz der Villa ist nach jahrzehntelanger Vernachlässigung stark geschädigt. Gutachterlich ist ein Rückbau bis auf den massiven Sockel aus rotem Porphyr unumgänglich. Gerade dieser Sockel wird zum zentralen Ankerpunkt der architektonischen Neuausrichtung. Er bleibt als materielles Zeugnis erhalten und bildet das Fundament für eine neue räumliche und inhaltliche Interpretation des Ortes.

Umgestaltung der Kommandantenvilla in Sachsenburg bei Chemnitz

Erinnerungsarchitektur und Transformation eines historischen Ortes in Sachsen

Die Umgestaltung der sogenannten „Kommandantenvilla“ auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenburg bei Chemnitz versteht sich als architektonischer Beitrag zur Erinnerungskultur und zur aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Ortes. Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenburg zählt zu den frühesten Lagern des nationalsozialistischen Terrors. Bereits ab Mai 1933 wurden hier politische Gegner, Menschen jüdischen Glaubens, Zeugen Jehovas sowie katholische und evangelische Geistliche inhaftiert, misshandelt und ermordet. In den Jahren bis 1937 entstanden an diesem Ort Strukturen und Mechanismen, die später in den systematisierten Vernichtungslagern ihre grausame Fortsetzung fanden.

Nach der Auflösung des sogenannten „Schutzhaftlagers“ und den politischen Umbrüchen nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Ort zunehmend in Vergessenheit. Umso bedeutender ist heute die Aufgabe, diesen historischen Ort sichtbar zu machen, einzuordnen und als Teil des gesellschaftlichen Gedächtnisses neu zu verankern. Die Kommandantenvilla nimmt innerhalb des ehemaligen Lagerareals dabei eine besondere Rolle ein – architektonisch, räumlich und symbolisch.

Lageplan

Perspektive aus Richtung Appellplatz // Blickachse // Pfad der Erinnerung

Konzept: Architektur als begehbare Skulptur

Ausgehend von der besonderen Lage der Villa – mitten auf dem ehemaligen Lagergelände – entwickelt das Konzept eine begehbare Skulptur, die bewusst auf klassische Ausstellungsformate verzichtet. Keine Vitrinen, keine Texttafeln, keine Bildschirme bestimmen den Raum. Stattdessen entsteht ein architektonisches Erlebnis, das über Raum, Material, Licht, Klang und Bewegung wirkt.

Der erhaltene Sockel steht sinnbildlich für das bereits tief verankerte nationalsozialistische Gedankengut in der Gesellschaft der 1930er-Jahre – als massives Fundament, auf dem das System aufbauen konnte. Der angrenzende Außenraum wird bis zur Linie der ehemaligen Umzäunung erweitert und mit groben Bruchsteinen aus dem nahegelegenen Steinbruch belegt – eine bewusste Referenz an die Zwangsarbeit der Häftlinge.

Aus dem Sockel erhebt sich eine einfache, klar ablesbare Stahlkonstruktion. Ihre Materialität steht für Kälte, Rationalität und die perfide Systematik der nationalsozialistischen Lagerorganisation. Die Fassade besteht aus horizontalen, teilweise verspiegelten Lamellen, deren Abstände sich nach oben hin verdichten. Dadurch löst sich das Bauwerk je nach Blickwinkel und Lichtsituation visuell in seiner Umgebung auf. Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Objekt und Landschaft beginnen zu verschwimmen

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Rückbau

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Sockel als Fundament // Spuren der Geschichte // rotes Porphyrmauerwerk // Gesellschaftliche Verantwortung // Sockel als Sinnbild für die Gesellschaft

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Begehbare Skulptur // Einbindung in den Pfad der Erinnerung // Spuren der Geschichte // Grundrissdarstellung als im Boden eingelassene Spiegel // Zeichen gegen das Vergessen // Auseinandersetzen mit der Geschichte // erleben

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Stärkung der historischen Blickachse // durchlässige Rampe bei Hochwasserereignis // Aktives Erinnern

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Ausweiten des Sockels // belegt mit groben Steinen aus dem nahegelegenen Steinbruch // Berührungspunkte Täter - Inhaftierte // Errichtet aus Zwangsarbeit

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Historischer Zaun // Nach Annahme der Fotodokumentation // Verwischen der Grenzen // Ein- Ausgrenzen // auflösen

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Skulptur // Geschichte erfahren und Gegenwart hinterfragen

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Reflexion // 360° Spiegel der Gesellschaft // reflektieren // Wechselwirkung der Skulptur mit der Umgebung

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Reflexion // Das Volumen der Skulptur diffundiert mit der Umgebung // Die Intention ist nicht immer ehrlich

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Horizontale Schichtung der Lamellen // Auflösen - Verdichten der Außenhaut nach Oben // Hinter die Fassade blicken // Einblicke

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Nah - Fern // verschiedene Refelxionsgrade // Fragmente des Spiegelbildes sind erahnbar - erkennbar

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Einhaltung des Vogelschutzes

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Innen wird das Konstrukt erkennbar // Die wahre Intention hinter der verspiegelten Fassade kommt zu Tage // Perfide, kalt berechnet und geplant

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Kein behaglicher Innenraum // Kein Schutzraum // Habtik der Materialien vermitteln Kälte und Absicht // Die Last der Leere

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Audio // Zeitzeugenberichte werden verlesen und abgespielt // Außen - Innen // Verschmelzen von Alltag und Inszenierung

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Licht // Zentrale Lichtquelle // Licht-Schatten // Spiel mit der Wahrnehmung // Außen-Innen Verschmelzung bei Nacht // Die Skulptur löst sich vollends auf // Die Skulptur löst sich vom Sockel

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Ausstellungskonzept im Innen- und Außenbereich individuell erweiterbar // Einbettung - Ergänzung in den Pfad der Erinnerung

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Ort der Erinnerung und Mahnung // mahnen // erinnern // gedenken // reflektieren // diskutieren // bilden // hinterfragen // lernen...

Zielsetzung: Erinnern, Verstehen, Reflektieren

Die Neugestaltung der Kommandantenvilla verfolgt das Ziel, den Ort in den bestehenden „Pfad der Erinnerung“ einzubinden und ihn als öffentlich zugänglichen Raum der Auseinandersetzung zu stärken. Das Begehen und Erleben des Areals soll Besucherinnen und Besucher dazu anregen, sich aktiv mit der Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenburg und seiner Rolle im nationalsozialistischen Herrschaftssystem auseinanderzusetzen.

Der Ort, der einst für Terror, Unterdrückung und Gewalt stand, wird in einen Raum für Offenheit, Vielfalt und gesellschaftlichen Diskurs transformiert. Erinnerung wird hier nicht als statisches Gedenken verstanden, sondern als aktiver Prozess des Nachdenkens, Hinterfragens und Lernens – mit dem Anspruch, aus der Vergangenheit Verantwortung für Gegenwart und Zukunft abzuleiten.

Querschnitt

Längsschnitt

Raum, Wahrnehmung und Erfahrung

Eine flach ansteigende Rampe führt vom ehemaligen Appellplatz auf den Sockel und in den Innenraum der Skulptur. Mit der Annäherung an das Bauwerk verändert sich die Wahrnehmung: Spiegelungen zeigen Fragmente der eigenen Person, gleichzeitig erlauben Durchblicke erste Einblicke in den Innenraum. Der Besucher wird Teil des Ortes, Teil der Szenerie, Teil der Reflexion.

Im Inneren öffnet sich ein großer, leerer Raum mit einem Volumen von rund 2.450 Kubikmetern und einer Fläche von etwa 190 Quadratmetern. Der ehemalige Grundriss der Villa ist als eingelassene, spiegelnde Struktur im Boden ablesbar. Wände, Decken und Einbauten sind entfernt – das Volumen wird als Ganzes erfahrbar. Der Raum ist bewusst kein Schutzraum, sondern bleibt durchlässig für Licht, Wetter und Geräusche der Umgebung.

Über ein dezentes Audiosystem werden dokumentierte Briefe, Zeitzeugenberichte und historische Texte aus dem Kontext des KZ Sachsenburg hörbar gemacht. Gleichzeitig dringen die Geräusche der Gegenwart – etwa vom benachbarten Fußballplatz – ungefiltert in den Raum. Diese Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart macht die fortwährende gesellschaftliche Verantwortung spürbar.

Ein Ort der Erinnerung in Sachsen und der Region Chemnitz

Die Umgestaltung der Kommandantenvilla in Sachsenburg bei Chemnitz steht exemplarisch für eine zeitgenössische Form der Erinnerungsarchitektur in Sachsen und darüber hinaus. Sie verbindet Geschichte, Architektur, Landschaft und gesellschaftlichen Diskurs zu einem vielschichtigen Raum der Erfahrung.

Nicht das Objekt allein, sondern das Zusammenspiel von Ort, Bewegung, Klang und Wahrnehmung bildet das eigentliche Ausstellungskonzept. So entsteht ein Erinnerungsort, der nicht belehrt, sondern berührt, nicht erklärt, sondern zum Nachdenken zwingt – und der zeigt, wie Architektur zur aktiven Auseinandersetzung mit Geschichte beitragen kann.

Isometrie & Materialität

Innenperspektive

Perspektive aus süd-westlicher Richtung

Projektdetails

Bauherr // Stadt Frankenberg/Sa.
Typologie // Kultur & Bildung
Standort // Gedenkstätte KZ Sachsenburg
2020

weitere Projekte

upa // urban progressive architecture GbR // Lazarettstraße 14 // 70182 Stuttgart // kontakt@upa.plus